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Zysia Pressman, seine Frau Hinda und ihre beiden Kinder Hermann und Schulamit (Sonia) lebten in Deutschland. Zysia und Hinda kamen ursprünglich aus Polen und hatten in Berlin ein erfolgreiches Modegeschäft betrieben. Als Hitler an die Macht kam, entschloss sich der 18-jährige Hermann Pressman zur Flucht. Am 9. Mai 1933 reiste er nach Antwerpen, wo er von einem Neffen aufgenommen wurde. Dieser Neffe war Schuster in Deurne, einem Ort ganz in der Nähe von Antwerpen. Mit einiger Mühe konnte Hermann schließlich seine Eltern überreden, ebenfalls nach Antwerpen zu kommen. Die Familie ließ sich in der Scheldestadt nieder und die fünf Jahre alte Sonja besuchte dort einen Kindergarten.

Zu ihrem Kummer gelang es den Eltern nicht, in Antwerpen ein neues Geschäft aufzubauen. Überdies war die belgische Regierung nicht glücklich über den Strom jüdischer Einwanderer. Zwar wurden deutsche Juden noch zugelassen, aber Juden jüdischer Herkunft erhielten weder eine Aufenthalts- noch eine Arbeitsgenehmigung. Hermanns zahlreiche Versuche, eine permanente Aufenthaltserlaubnis für die Familie zu erhalten, blieben erfolglos und sogar eine Intervention von Bürgermeister Camille Huysmans konnte nichts fruchten. Der belgische Staatssicherheitsdienst wies die Pressmans schließlich aus Belgien aus.

Da die Familie noch über ausreichend finanzielle Mittel verfügte, konnte sie Visa für die USA erwerben. Am 20. April 1934 schiffte sie sich auf der „SS Westernland“ der Red Star Line nach New York ein.

Sonia Pressman Fuentes studierte in den USA Jura und wurde Rechtsanwältin und eine bekannte Feministin. Zusammen mit Betty Friedan und anderen Frauen gründete sie die National Organization for Women (NOW). 1999 veröffentlichte sie eine anrührende Autobiografie, in der es auch um die Emigration ihrer Familie ging (Eat First – You Don't Know What They'll Give You, The Adventures of an Immigrant Family and Their Feminist Daughter). Eine ihrer wichtigsten Quellen war das Tagebuch, das ihr Bruder Hermann während seines Aufenthalts in Antwerpen geführt hatte. Das Tagebuch bietet nicht nur interessante Einblicke in den Alltag, die Freundschaften und die abendlichen Unternehmungen eines jungen jüdischen Mannes im Antwerpen jener Zeit, sondern auch in die endlosen Probleme, die mit der Beantragung einer Aufenthaltserlaubnis einher gingen. Auch geht es in dem Tagebuch um die unangenehmen ärztlichen Untersuchungen vor der Abreise mit der Red Star Line und um die ständigen Angst, im letzten Augenblick abgewiesen zu werden.

Als Sonja uns das Tagebuch schenkte, kamen wir auf die Idee, uns einmal in die Archive der Ausländerpolizei zu vertiefen. Im Reichsarchiv in Brüssel entdeckten wir ein recht detailliertes Dossier über die Familie Pressman, das der belgische Staatssicherheitsdienst angelegt hatte. Darin geht es unter anderem um die Visumanträge, die Intervention des Antwerpener Bürgermeisters und die letztendliche Ausweisung durch den Staatssicherheitsdienst. Da das Dossier auch zahlreiche Passfotos erhielt, konnten wir das Schicksal der Pressmans in Belgien rekonstruieren und dokumentieren.

Sonja besitzt auch noch Fotos von ihren Kinderjahren in Berlin und Antwerpen sowie Fotos der Familie auf dem Deck der „Westernland“. Und schließlich führten wir Gespräche mit Sonia Pressman Fuentes. So verschmolzen dramatische Ereignisse der Weltgeschichte und persönliche Erfahrungen zu einer Red-Star-Line-Geschichte.